23 Frieden in dir
Frieden in dir
Die nächsten Monate waren von verschiedenen, teils schmerzlichen Einsichten gekennzeichnet. Auf mich allein zurückgeworfen, gab es öfter Momente, in denen ich ein innerstes „Ich“ in mir spürte, zu welchem ich in meinem bisherigen Leben den Zugang verloren zu haben schien. Vielleicht so ähnlich wie ein jedes Kind, welches erwachsen wird, diese einmalige Unbekümmertheit, welche nur ein Kind fühlen kann, allmählich verliert.
Manche banale (Selbst)Erkenntnis schien mir auch unbemerkt aus dem Bewusstsein gewandert zu sein, obwohl ich sie immer wieder angetroffen hatte. Beispielsweise meine Notwendigkeit nach Natur. Es war simpel, aber es war so: Ich brauchte Bewegung an der frischen Luft wie Wasser zum Trinken. „Ich“ – das war jener Teil, der so etwas wie inneren Frieden fühlen konnte. Die anderen Anteile – die funktionierende, arbeitende, sozial interagierende Person – brauchten das nicht so offensichtlich. Natürlich lebte ich weiter, auch wenn ich, wie das über weite Teile meines Berufslebens der Fall war, Jahr um Jahr sitzend vor dem Bildschirm zubrachte, Stunden mit Codes und Programmen beschäftigt war und hin und wieder in einem Video-Call saß. Natürlich starb mein Körper nicht daran, zwei Drittel seiner Wachzeit sitzend vor einem Monitor zu verbringen. Alles wurde aber seltsam stumpf.
Die Notwendigkeit nach Bewegung an der frischen Luft – also im Grünen – stammte nicht von einer hehren Tugend, einer löblichen Auslebung eines Gebots nach gesundem Leben, so etwa, wie ein übergewichtiger Mensch sich wünschte, Gemüse würde so gut schmecken wie Schokolade. Nein, nein, es war einfach so, es war wahrhaftig so: Nichts konnte dieses innere Selbst Frieden und Ganzheit empfinden lassen wie eine Wanderung im Wald, über Wiesen, auf Berge. Meine Entscheidung, für den Garden-Himmel-Nationalpark zu arbeiten, fühlte sich nie so richtig an, wie in jenen Augenblicken, in denen nicht nur meine Lunge, meine Augen und Muskeln vom Durchwandern und Aufsaugen des majestätischen Panoramas genährt wurden, sondern mein tiefstes Inneres.
Über diese Erfahrungen konnte ich mit niemanden sprechen. Ich hätte nicht gewusst, wie. Wie diese Erfahrungen in Worte kleiden, ohne dass sie abgeklatscht oder übertrieben spirituell oder dergleichen klingen sollten? Was mich die Bewegung in der Natur fühlen ließ, hatte für mich nichts mit Spiritualität zu tun, wie sie in den Medien transportiert wurde, nichts mit einer religiösen Überzeugung, eines Glaubens an etwas Höheres zu tun. Dieser innere Frieden, die innere Ruhe und Kraft hatten für mich etwas ganz Bodenständiges. Wann immer ich mich bewusst durch die Mischwälder streifen fand, über Wurzelwege gehend, über Felsvorsprünge kletternd und inmitten von Berggipfeln und -kämmen wiederfand, fühlte ich mich, als ob ich, nach einer langen Reise, heimkam. Als ob ich zuvor vergessen hatte, dass ich tatsächlich hierhin gehörte, und jetzt selbst überrascht war über die Rückkehr.
Vielleicht lag es auch daran, dass nur dieser Kontakt mit der Natur mir ermöglichte, meine Sorgen für und um diese Welt für einen Moment loszulassen, hinter mir zu lassen. Wo das Leben sich für einen Moment simpel zeigte – einen Schritt vor den anderen setzen, dem Pfad folgen; eingebettet in Landschaften, die so groß, erhaben und intakt schienen – wie alt waren diese Bäume, wie hoch waren sie, wie alt waren diese Berge, wie unbezwingbar ihr Gestein –; dass der Mensch klein schien und mit ihm seine Zerstörungskraft.
Und während ich darüber nachsann, wusste mein Verstand, die Kraft der Zerstörung des Menschen ist groß. Wusste mein Verstand, wie der Mensch Meere übersäuern, überfischen, Flüsse vergiften, Regenwälder zerstören kann. Wusste mein Verstand, dass es nichts abzuwarten gab, nichts zu verharmlosen gab.
Dies war die Krux: rational um die Dringlichkeit und die Fakten zu wissen, die Größenordnung und Bedeutung notwendiger Schritte, um Reduktion und Schadensbehebungen zu erwirken, und gleichzeitig innerlich nicht in einer Weltuntergangsstimmung und Hoffnungslosigkeit zu enden, sondern immer wieder einen Frieden in sich zu finden und sich einfach daran zu erfreuen, in dieser schönen Welt, die es noch gab, am Leben zu sein.