Schnitzel-Willi will‘s wissen
Schnitzel-Willi will‘s wissen
Päng! Noch drei kommen vor mir dran.
Das war das Bolzenschussgerät, mit dem soeben Schnitzel-Leo betäubt wurde. Zwei männliche Kälber und eine Milchkuh stehen noch vor mir auf dem Förderband, das uns einzeln zu den beiden Schlachtern bringt. Sie sind für die Fixierung des Kopfes und die Bedienung des Schussapparates zuständig. Eine Kette wickelt sich um Leos Hinterbeine und katapultiert ihn in die Höhe. Ein Metzger durchtrennt mit einem Kehlschnitt beide Halsschlagadern sowie Leos Luft- und Speiseröhre. Der Blutstrom pulsiert noch wenige Sekunden mit dem Herzschlag, danach fließt das Blut gleichmäßig in einen Stahlbehälter. Es wird zur Herstellung von Blutwürsten oder als Farbstoff und Bindemittel für Fleischwaren verwendet.
Bei meiner Geburt meinte die enttäuschte Bäuerin, dass ich ein unerwünschtes Nebenprodukt sei. Dem Wunschkälbchen hätte sie den Namen Milch-Mia gegeben, aber es sei leider Gottes nur ein Schnitzel-Willi geworden.
Ich will jetzt wissen, ob ich ein unerwünschtes Nebenprodukt bin. Viel Zeit bleibt nicht mehr, darüber nachzudenken …
Vor etwa einem halben Jahr wurde ich in Niederösterreich geboren, Milchkuh Susi (das ist der beliebteste Kuhname) ist meine Mutter. Sie muss jedes Jahr ein Kalb gebären, damit ihr Körper die Milchproduktion nicht einstellt. Da ich keine Bindung zu Susi aufbauen sollte, wurde ich nach ein paar Stunden von ihr getrennt. Vier Wochen später holte mich ein LKW ab und brachte mich, zusammen mit 128 anderen Kälbern, in die Niederlande. Die Mitfahrenden im Laderaum waren ziemlich aufgeregt, besonders Burger-Max, der neben mir herumtobte. Einer seiner Tritte hätte mich glatt umgehauen, wenn genügend Platz zum Umfallen vorhanden gewesen wäre. Dann hätte ich bestimmt nicht mehr aufstehen können – Glück muss man haben! So überstand ich die Fahrt mit einigen Prellungen und Rissquetschwunden, und nach 30 Stunden kamen wir bei der Großmästerei an. Als ich mich beim Aussteigen in Bewegung setzte, kippte Burger-Max um. Mehrere Rinder trampelten panisch über ihn hinweg. Sein Kopf wackelte schlaff hin und her, als er kurz darauf mit einem Kran in einen Container geworfen wurde.
Päng! Noch zwei kommen vor mir dran.
Das war Hackfleisch-Lilli, die den Schuss abbekommen hat. Für einen langen Moment bleibt sie zitternd stehen, dann sackt sie ruckartig zusammen. Lilli war, so wie meine Mutter, eine sechs Jahre alte Milchkuh und hätte bestimmt 10 bis 15 Jahre alt werden können. Ihre Besitzer meinten, es würde sich nicht mehr lohnen, sie länger zu behalten. Zumindest durfte sie manchmal zusammen mit Artgenossen in der freien Natur Zeit verbringen. Sie strahlte mich an, als sie mir vor ein paar Minuten davon erzählte. Sie schwärmte mir vor, dass unsere Vorfahren mit Sicherheit soziale Rudeltiere waren, die sich ausschließlich in einer natürlichen Umgebung aufhielten. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wovon Lilli eigentlich sprach.
Etwas weiter vorne wird Leos Kopf von einer automatischen Fräse abgetrennt, er kullert in einen Konfiskatbehälter, in dem schon zahlreiche andere Schädel liegen. Bei einigen hängt die Zunge heraus, manchen wurde sie herausgeschnitten, um von Menschen als Delikatesse verspeist zu werden. Da Leo schon etwas mehr als ein Jahr alt ist, wird sein Kopf blau gefärbt und später verbrannt.
Hier in den Niederlanden stand ich in einer Einzelbox mit Betonboden. Steak-Fritz, der in der Box neben mir war, brüllte eines Tages ununterbrochen herum, rammte seinen Kopf gegen die Wand, tobte so lange, bis er umfiel und verendete. Er wurde am nächsten Tag entsorgt. Kurz darauf zog Rouladen-Ferdi in seiner Betonbox ein. Immer, wenn Flüssigfutter in den Trog vor mir floss, raffte ich mich auf, um zu saufen, blieb eine Weile stehen, ließ mich irgendwann wieder zu Boden fallen – bis die flüssige Nahrung erneut in den Trog gespritzt wurde. Nun, fünf Monate später, wiege ich stolze 280 kg und mein Fleisch ist (durch die eisenarme Ernährung) ganz hell geworden, damit den Menschen später das Schnitzel besser schmeckt.
Päng! Noch einer kommt vor mir dran.
Dieses Mal hat der Schuss-Schlachter den Schussapparat exakt angesetzt, Schnitzel-Kurt ist sofort umgefallen. Inzwischen liegt auch Lillis Kopf im Konfiskatbehälter, während Leo (also das, was von ihm übrig ist) gehäutet neben dutzenden anderen an einem Haken hängt. Zuvor wurden ihm mit einer hydraulischen Zange die Beine abgetrennt. Das knackende Geräusch war bis hierher zu hören, weil die Fräse kurz abgeschaltet war, die die kopflosen Körper von oben nach unten aufschneidet. Ich frage mich, ob nun Leos Kopf Leo ist oder ob der hängende Fleischbrocken Leo ist; seine Beine jedenfalls nicht.
Ich muss mich wieder konzentrieren. Bin ich nur ein unerwünschtes Nebenprodukt oder nicht? Bisher bin ich ziemlich ratlos. Jedenfalls bin ich eines von etwa 560.000 Kälbern (ca. die Hälfte davon ist männlich), die 2025 in Österreich das Licht der Welt erblickten – zumindest das künstliche Licht eines Stalls, der ja schließlich auch zur Welt gehört. In Kürze werde ich in meine Einzelteile zerlegt und zurück nach Österreich transportiert. Das Keulenfleisch landet als regionales österreichisches Wiener Schnitzel auf dem Teller eines Gasthauses, was die Schnitzelesser bestimmt freuen wird (80% aller Wiener Schnitzel werden in Österreich mit Kalbfleisch aus den Niederlanden zubereitet).
Es spricht nicht gerade dafür (kein unerwünschtes Nebenprodukt zu sein), dass meine Originalkeule für die meisten Menschen scheußlich schmecken würde, deswegen wird sie ordentlich gesalzen und mit heißem Fett paniert. Die gesunden Inhaltsstoffe wären auch über pflanzliche Nahrung verfügbar – wieder ein Minuspunkt. Leider ist auch das Fett und Cholesterin, das in mir steckt, alles andere als gesund.
Ein weiterer Minuspunkt wird wohl sein, dass ich Teil der Tierwirtschaft bin, die etwa 20 Prozent der weltweiten Treibhausgase verursacht, mehr als der gesamte Verkehrssektor. Jedenfalls habe ich sowohl in der Tierwirtschaft als auch im Verkehrssektor einen ordentlichen Beitrag geleistet. Ist das ein Plus- oder ein Minuspunkt? Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich, ob das alles eigentlich erwünscht oder unerwünscht ist, ich bin schon ganz durcheinander. Naja, sollen sich andere eine Meinung dazu bilden. Trotz allem habe ich etwas, worauf ich wirklich stolz bin: Ich heiße Willi und Willi ist der drittbeliebteste Name für männliche Kälber, hinter Max und Leo. Glück muss man haben!
Päng! Ich komme jetzt dran.
Direkt vor mir sackt Bratwurst-Bruno zusammen und macht sich zuckend auf den Weg zur Aufhängstation. Das Band bewegt sich weiter und weiter, die beiden Schlachter werden größer und größer. Die ursprünglich weißen, jetzt roten Fleischerhosen und auch die Metzgerjacken der beiden unterscheiden sich nur im Muster, das das spritzende Blut darauf gezeichnet hat. Der Fixier-Schlachter kümmert sich darum, dass mein Kopf eingeklemmt wird. Ein klackerndes Geräusch ist zu hören, als der Schuss-Schlachter das Bolzenschussgerät nachlädt. Sie unterhalten sich gerade ziemlich angeregt.
Schuss-Schlachter: „Kennst du den neuesten Witz?“
Fixier-Schlachter: „Haha, nein, lass‘ hören!“
Der Schuss-Schlachter drückt den Schussapparat auf meine Stirn, etwas oberhalb meiner Augen.
Schuss-Schlachter: „Der Mars trifft auf einem Spaziergang die Erde und fragt: ‚Oh Gott, wie siehst du denn aus?‘ Worauf die Erde weinerlich antwortet: ‚Ich habe Homo sapiens …‘ Darauf der Mars: ‚Mach dir keine Sorgen, das kenn‘ ich, geht schnell vorbei!‘“
Pause.
Fixier-Schlachter: „Uahaaahaaaaa, der war gut, hahahahaaaaa …..“
Ah! Homo sapiens ist das unerwünschte Nebenprodukt, wer oder was auch immer das sein mag. Ich, Schnitzel-Willi, kann‘s dann jedenfalls nicht sein. Glück muss man ha…
Päng.

Roland Manzl, geboren und aufgewachsen in Dornbirn/Vorarlberg. Nach dem Lehramtsstudium in Feldkirch unterrichtete er für mehr als 30 Jahre im Bregenzerwald in den Fachbereichen Mathematik, Informatik und Sport, nebenbei lehrte er Erste-Hilfe in Kursen für das Rote Kreuz. Seit einigen Jahren widmet er sich intensiv der faszinierenden Welt der Hunde und gibt dieses Wissen in individuellen Kursen als Hundetrainer weiter. Nach mehreren Grenzerfahrungen schätzt er heute mehr denn je die unermessliche Vielfalt und Schönheit der Natur und liebt es, sich täglich von der Unbeschwertheit und Lebensfreude seines Rüden anstecken zu lassen.
Quellen:
ORF-Bericht (abgefragt am 24.1.26): https://vorarlberg.orf.at/stories/3337654
PETA-Schweiz (abgefragt am 26.1.26): https://www.peta-schweiz.ch/themen/treibhausgase-tierhaltung/#:~:text=Die%20Weltern%C3%A4hrungsorganisation%20FAO%20macht%20die%20Umwandlung%20des,80%20Prozent%20der%20Verluste%20der%20Amazonasregion%20verantwortlich.
Statistik Austria (abgefragt am 24.1.26): https://www.statistik.at/fileadmin/publications/SB_1-3_Rinderbestand-062025.pdf